Country lebt, und es geht ihm, danke, gut
Nashville im Süden der USA ist die Heimat der Country Music – einer Musikgattung, die authentischer und lebendiger ist, als es Kritiker gelegentlich wahrhaben wollen
Gekürzte Fassung eines Berichts von Martin Killian, Nashville (Tennessee) für den Tagesanzeiger – im Juli 2007
Samstagabend in Nashville, und Amerika vergnügt sich unter einem fetten Vollmond und in der Schwüle einer Sommernacht. In Nashville, der Welthauptstadt der Country Music, lockt natürlich vor allem ein Vergnügen: Country Music. In Richtung des Flusses, entlang des Broadway, geht es wie an jedem Samstag rasant zu, dröhnt es aus Bars und Tanzschuppen, wo Country gespielt wird und die Gäste, die aus allen Gegenden Amerikas kommen, dicht gedrängt den Bands und deren Moritaten von einsamen Männern und undankbaren Frauen , von idiotischen Bossen und treuen Freunden zuhören.
In Tootsie's Orchid Lounge, einem touristischen Klassiker der Country-Szene in Nashville, wo nahezu rund um die Uhr geschmalzt, geschnulzt und gerockt wird, tanzen bierselige Gäste auf den Tischen. Der Kommerz regiert, ohne indes die Musik zu vernichten. Country lebt, selbst hier, wo das Genre manchmal fast zur Parodie wird und zu einer Persiflage auf den ländlichen amerikanischen Süden mit seinen klischeehaften Vorstellungen von sich selber.
Im Station Inn an der 12. Strasse, weg vom Rummel des Broadway, brilliert heute Abend eine vorzügliche Bluegrass-Band, die Grascals, mit blitzschneller Musik, die wie Country dem Süden entspringt. Virtuosen sind die Grascals, Meister der Mandoline, des Banjo und der Geige, die nach einem Konzert im fernen Staat Minnesota mit einem Bus in ihre Heimatstadt Nashville zurückgekehrt sind. ''20 Stunden waren wir unterwegs'', sage Jamie Johnson, der Sänger der Grascals, ''und jetzt werden wir mal richtig loslegen.'' Auch aus den Songs der Grascals spricht der ländliche Süden und auch für diese Band gehört es zum guten Ton, nachzufragen, ob Angehörige der amerikanischen Streitkräfte im Publikum seien.
Amerikas Süden holt auf
Nashville ist durchaus weltläufig. Und trotzdem ist es ''South'', so südstaatlich wie Country Music. Und der Süden, dieses Stiefkind Amerikas, ist gestanden konservativ, Oder gibt zumindest vor, konservativ zu sein.
Daneben und oftmals überschattet von den Klischees, existiert ein sehr anderer, sehr greifbarer Süden, nämlich jener, der die Welt so reich wie keine andere amerikanische Region beschenkt hat. Denn der Süden ist die Wiege nahezu aller amerikanischen Musik, sei es Gospel, Bluegrass, Country, Blues, Jazz, Rockabilly oder Rock 'n' Roll. Ein Hinterland musikalischen Zaubers, das ist der Süden. Die Musik ist das Produkt der kleinen Leute des Südens, ob schwarz oder weiss. Country Music, schreibt David Fillingim in seinem Buch ''Redneck Liberation'', sei ''Widerstand durch Flucht anstatt durch Engagement''.
Noch immer durchzieht Armut, weisse und schwarze wie hispanische Armut, den Süden, obschon er wächst und aufholt und Menschen aus Übersee und Lateinamerika, aus dem Norden und selbst dem Westen, anlockt.
Rückständig sind nicht nur viele Gebiete der Appalachen, arm ist auch der ''Blackbelt'', der sich von Georgia nach Alabama zeiht. Oder das berühmte Delta Mississippis. Dennoch wirkt der Süden wie ein Magnet. Seine urbanen Zentren wie Atlanta oder Nashville geben den Ton an. Seine Unternehmen florieren.
Seine Musik allerdings verdankt sich einer populistischen Grundstimmung und der gegenseitigen Befruchtung von Schwarz und Weiss, von eingewanderten Deutschen und Französisch sprechenden Cajuns, von Latinos und Iren. Und ja, die Armut gebar diese Musik. ''Du musst eine Menge Maultierscheisse gerochen haben, ehe du wie ein Hillbilly singen kannst'', befand der legendäre Hank Williams. Die Anfahrt nach Nashville, durch die Berge Südwest-Virginias, der Heimat des Bluegrass-Barden Ralph Stanley, hinein nach Tennessee führt geradewegs ins Herz der Country Music. In Nashville fand sie eine Heimat, geboren aber wurde das Genre im bergigen Grenzbereich zwischen North Carolina, Virginia und Tennessee. Die Carter Family und der jodelnde Jimmie Rodgers lieferten Ende der 20er Jahre die ersten Vorgaben und erzählten Geschichten, wie sie Country noch immer erzählt: von alltäglichen Sorgen, von der Liebe, vom lieben Gott wie dem Teufel, vom Alkohol und anderen Versuchungen.
Der Süden ehrt seine Sünder, die samstags dumme Dinger drehen und am Sonntagmorgen in der Kirche Vergebung erbitten als ''Backslider'' die in die Sünde abgleiten und sich wieder aufraffen. ''Ich habe aufgehört, in die Kirche zu gehen / bin wieder ein Sünder / seit du mich mit dem Müll hinausgeworfen hast'', singt der Bluegrass-Star Del McCoury. Nashville mag teilweise verpoppt und Country die Musik Amerikas und der Suburbias geworden sein, die kleinen und grossen Wahrheiten aber bleiben. Und dann und wann werden sie in Nashville wieder belebt durch Traditionalisten, denen bitter aufstiess, als 1975 dem Popsänger John Denver die höchste Country-Auszeichnung verliehen wurde. Stars wie George Streit und Dwight Yoakam waren es, die zeitweise fulminante Orchestrierungen und massige Arrangements eindampften, bis dann die Geige, Mandoline und die Gitarre, das Banjo und die Steel Guitar wieder den Ton angaben.
Dann die Frauen: Einerseits die alten Ideale des Country besingend wie Tammy Wynette (''Stand By Your Man''), gelegentlich aber rebellisch wie Loretta Lynn oder gar den Männern rabiat auf den Pelz rückend wie Nashvilles neuesten Sensationen Gretchen Willson und Miranda Lambert. Selbstverständlich widerspiegelt Country den patriarchalischen Süden, die Sentimentalität wie die Hitzköpfigkeit der ''Southerns''. Aber Country liefert auch das musikalische Vehikel, um die Nöte der kleinen Leute zu publizieren.
Blutdruck wieder normal
Country begleitet auch den Aufstieg des US-Konservatismus obwohl Einzelgänger, wie der unvergleichliche Willie Nelson, der konservativen Umarmung konsequent aus dem Weg gingen. Wer sich dagegen auflehnte wie etwa Natalie Maines von den Dixie Chicks, die sich 2003 bei einem Konzert in London für die Politik von George W. Bush entschuldigte, wurde boykottiert und ausgegrenzt.
So beleuchtete Nashville auch Zeiten, die die Nation insgesamt verunsichern, was die Zukunft bringen wird. Die Menschen des Südens empfinden wie ihre Landsleute anderswo: Sie sorgen sich um die wirtschaftliche Entwicklung sind erschrocken über die zunehmende Härte des Lebens oder befürchten, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung.
Heute Abend unter dem fetten Mond aber wird verdrängt, zieht es die Feiernden in die Bars und die Grand Ole Opry, in den Wildhorse Saloon zum Tanzen oder ins berühmte Bluebird Cafe.
